Donnerstag, 6. Oktober 2011

Elf interessante Leben ohne Begegnung

5/5 Sterne

„Elf Leben“ ist eines der wenigen Bücher, die einen das Herz erwärmen, einen mitreißen und mitleben lassen, wie es bei vielen Werken nur selten der Fall ist. Mark Watson hat sich mit seinem ersten, ins Deutsche übersetzte Buch, selbst ein Denkmal gesetzt.
Xavier Ireland, der seine Heimat Australien aus persönlichen Gründen, die er für sich selbst behält, verlässt, um in London ein neues Leben mit einem neuen Namen zu beginnen, moderiert mit Murray nachts eine Radiosendung, wo anonyme Anrufer sich melden, um zu erzählen oder ihre Sorgen zu klagen.
Im Laufe der ganzen Handlung wird klar, dass Xavier nicht einfach vor sich selbst flüchten kann. Als er Pippa trifft, wird ihm das nur zu deutlich bewusst.
Xavier allein ist aber nicht wirklich die Hauptperson, sondern vielmehr Nebencharakter, der die Elf Leben, um die es hier vielmehr zu gehen scheint, miteinander verbindet, ohne dass sie sich je berühren. Sei es ein Leben, was nur kurz über zwei, drei Zeilen erwähnt wird, sei es ein Leben, was über mehr als nur ein paar Sätze hinausgeht: Jedes einzelne von ihnen hat seine Existenzberechtigung und gewinnt viel größere Aufmerksamkeit als Xavier selbst.
So unbedeutend einem die Leben anderer Menschen erscheinen mögen, in diesem Roman wird deutlich, dass es die Leben außerhalb des eigenen wirklich gibt.
So viele Leben um Xavier herum und er mitten drin.
Watson hat mit seinem aktuellen Roman eine wahre Hürde überwunden und einen Schreibstil an den Tag gelegt, dem es so leicht kein Entkommen gibt, wenn man einmal angefangen hat.
Die Art seines Schreibens hat etwas mit den Gedanken eines sehr nachdenklichen Menschens zu tun, der an einem Nachmittag scheinbar verschiedene Szenarien durchzuspielen scheint, wie ein Leben aussehen kann; oder auch elf Leben aus der Perspektive anderer Menschen. Leicht und verständlich, ohne großartige Floskeln bleibt die ganze Erzählung in einem Fluss, was das Lesen zu einer Freude werden lässt.
Elf Leben“, mag man denken, hat einen esoterischen Beiklang, sofern man nur den Klappentext liest, schnell wird aber klar, dass es vielmehr als nur ein esoterischer Roman, sondern eine Erzählung aus dem Leben einer oder eher noch mehr Personen, deren Leben untereinander beeinflusst wird, ohne dass sie sich je kennen lernen werden.
Auch das Cover fällt durch unauffällige, aber sehr angenehme Gestaltung auf. Es distanziert sich somit von den oftmals sehr bunten und sehr auffälligen Covern der Großverlage.
Abschließend kann man sagen, dass dieser Roman eines der wenigen Meisterstücke ist, die das Herz berühren und einen noch lange beschäftigen werden; nicht nur in Gedanken, sondern auch im Handeln. Denn wer weiß schon, was es für Auswirkungen haben wird, wenn ich bei der nächsten Busfahrt, unbedingt einen Sitzplatz haben möchte und dadurch jemandem, dem die Beine schmerzen, ihn unbewusst wegnehme?

Eine kleine, mittelmäßige Weltgeschichte

3/5 Sterne

Loel Zwecker versucht in seinem aktuellen Roman einen Abriss der Weltgeschichte zu konstruieren, sodass sie für jedermann verständlich und anschaulich nachvollziehbar ist.
Nach einem kurzen Vorwort, welches uns gleichzeitig auch durch die Entwicklung von 2,5 Millionen Jahren führt, geht es direkt weiter mit dem ersten Kapitel der Weltgeschichte: Ägypten und andere Hochkulturen des Nahen Ostens.
Gefolgt von Griechenland und dem Römischen Reich und vielen weiteren großen Kulturen, die die unsere teilweise auch noch heute prägen oder Einzug in den schulischen Geschichtsunterricht gefunden haben, ist dieser Abriss der Weltgeschichte wahrlich stringent und logisch aufgebaut. Jedes Kapitel dieses Buches spiegelt das konsequente Angehen der geschichtlichen Reihenfolge wieder, sodass Verwirrung gar nicht erst entstehen kann. Zudem kommt das kurze Wiederaufnehmen des vorigen Kapitels in das neue hinzu, wodurch sich eine leichtere Verfolgung der Geschehnisse gewährleisten lässt. Hierdurch entsteht der Eindruck, dass der Band nicht nur ein Lehrbuch, sondern eine Art Roman darstellt, was Loel Zwecker sicherlich beabsichtigt hat.
Allgemein gut verständlich geschrieben, teilweise mit Witz zur Auflockerung der Materie, lässt sich Zweckers Buch gut weglesen; sofern man ein wenig geschichtsinteressiert ist. Für andere, die sich von dem Werk einen spannenden und actiongeladenen Roman versprechen, wird dieses Werk unweigerlich enttäuschend sein. Merkmale des Romans hin oder her, es ist und bleibt dennoch eine Quelle zur rein sachlichen Information; besonders geeignet für jene, die es nicht besonders trocken, sondern mit ein wenig Geschmack mögen.
Zweckers Schreibstil ist durchaus auch für eine breitere Masse geeignet, was ja eher selten bei Sachbüchern der Fall ist, dennoch sticht die Art und Weise auch nicht besonders aus dem großen „Einheitsbrei“ hervor. „Was bisher geschah“ ist gut und klar formuliert, man weiß zu jeder Zeit, dass der Autor sich dessen bewusst ist, was er schreibt, dennoch scheint es ein Buch wie jedes andere auch zu sein. Der Stil hat einen Hauch von Professionellität und Leichtigkeit, der aber leider nicht ganz überzeugen kann.
Für den „Einsteiger“ unter den Hobbyhistorikern eignet sich Zweckers Buch wunderbar, er schafft Anreiz und Hunger auf mehr, er regt den Appetit an, sich mit geschichtlichen Dingen zu beschäftigen, aber er kann auch falsche Hoffnungen wecken, dass es Sachbücher geben kann, die in gleichartigem Stil geschrieben seien. Was leider nicht oft der Fall ist.
Im Großen und Ganzen ist dieses Buch für Geschichtsinteressierte empfehlenswert, ist aber auch kein bedeutender Überflieger in der Literatur. Dennoch: Reinschauen lohnt sich, um Geschichte auch einmal von einem anderen Blickwinkel betrachten zu können.

Endlich mal ein undurchsichtiger Krimi

5/5 Sterne


Von wegen, Krimis seien von der ersten Seite an durchschaubar! Mit seinem Roman "Leopard" hat Nesbø das genaue Gegenteil erbracht.

Nicht nur der glänzende und flüssige Schreibstil machen dieses Buch zu einem besonderen Leseerlebnis, nein, auch die realitätsnahe Umschreibung der Handlungen, die glaubhaften und klar umrissenen Charaktere tragen zu einem Gesamtbild bei, welches leicht die Schwelle zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt.

Liest man die ersten Seiten, so glaubt man, man hat es mit einem handelsüblichen "Otto-Normalverbraucher-Roman" zu tun. Geht man allerdings weiter im Lesestoff, werden einem wahrhaft andere Seiten vorgeführt.

Die sich langsam aufbauende, fesselnde Spannung, die es einem nicht ermöglicht, das Buch an die Seite zu legen, erhält im Laufe der Handlung seine Höhen und Tiefen, reißt jedoch nie ab. Gerade dann, wenn man glaubt, der Mörder schlägt zu - keineswegs! Man muss sich leider noch über einige Kapitel und Handlungsstränge hinweg gedulden, bis man erfährt, ob der Schatten, der da im Gebüsch lauerte, wirklich nur ein Schatten war oder doch der Mörder.

Harry derweil, der für die gestorben ist, treibt sich in Arealen und "Welten" Chinas herum, in denen ein Mensch, der noch etwas zu verlieren hat, besser nichts zu suchen hat.
Kaja, eine junge Kommissarin, versucht ihn mit allen Mitteln zurück zu holen, um eine neue, unerklärliche "Mordwelle" aufzudecken. Harry, der seit seinem letzten Fall jedoch herzlich wenig davon wissen will, lässt sich zunächst nicht überreden. Als er jedoch erfährt, dass seine Schulden Vergangenheit sind, entschließt er sich kurzerhand doch zurück nach Oslo zu fliegen - und benutzt seine neue Kollegin kurzerhand als unwissende Schmugglerin.

Die darauf folgenden, teilweise schwer durchschaubaren Strukturen zwischen Morddezernat und Kriminalamt erschweren es dem Leser leider anfangs die Figuren und Beziehungen auseinander zu halten. So wird beispielsweise Harry von einigen seiner früheren Kollegen nicht gern gesehen, trotz seiner Heldentaten, bei denen seine Familie fast ihr Leben gelassen hätte.
Kaum in Oslo angekommen, tun sich viele Handlungsstränge auf, teilweise sehr verworren, teilweise den Leser glauben machen lassend, dass der Mörder schon längst gefasst sei.
Harry, der nun den "Mörder" gefasst hat, weiß noch nicht, dass er sich geirrt hat, auch wenn alles dafür spricht. Sieht man jedoch noch auf die verbliebenen Seiten des Buches, wird schnell klar, dass der Fall noch lange nicht gelöst ist.

Sein Vater währenddessen, der im Sterben liegt, wird regelmäßig von Harry trotz seiner augenscheinlichen Drogensucht, die ihn im Verlaufe des Romans noch Probleme bereiten wird, regelmäßig besucht. Hierbei ist sich Harry nicht im Klaren, dass auch jetzt schon Spione an seinen Fersen sind.

Leider ist es zum Ende des Romanes sehr ersichtlich, dass dies wohl Harrys letztes Abenteuer sein wird. Harry, der Dank Nesbø schon fast zu einem Mythos geworden ist.

Abschließend kann man diesen Roman wahrhaft, trotz der wahhaft beeindruckenden Anzahl an Seiten, als eines seiner Meisterwerke betrachten. "Neuzeitlich", realistisch und den Leser vereinnehmend hat dieser Roman eine ganz besondere Klasse.

Donnerstag, 7. Januar 2010

"Hector & Hector und die Geheimnisse des Lebens" - François Lelord

Philosophie mal ganz anders

4/5 Sternen

Petit Hector, der kleine Held unseres Romans, auf der Suche nach dem ganz großen L des Lebens, führt uns auf einer Reise durch seine kleine Welt zu vielen Lektionen des Lebens, die wir entweder von Kindesbeinen ab schon kennen oder nie kennen gelernt haben, obwohl sie wichtig für das gesellschaftliche Miteinander sind.


Sein kleines, schwarzes Notizbüchlein, anfangs noch leer mit dem festen Vorhaben, auch nur die Lektionen des Lebens dort zu verewigen, erhält schon auch bald Regeln der Liebe, wie sie grundlegender nicht sein könnten. Männer müssen die stärkeren sein, sie sind es, denen man hinterher schaut und nicht umgekehrt. Auch wenn die Liebe ein wichtiger Aspekt des Lebens ist, so bleibt sie in diesem Buch angenehm dezent, was einen erst recht anspornt, in diesem fabelhaften Buch weiter zu schmökern.

Eltern, ein wichtiger Faktor des Lebens, müssen sich nicht immer einig sein, wie uns Petit Hector uns auf lebhafte Art und Weise vor Augen führt, denn das eine Geschlecht hat sicherlich oft eine ganz andere Anschauungsweise als das andere, wie man sich Respekt verschafft. So ist für Petit Hectors Vater eine klare Ansage, einer Drohung gleich, ein Mittel, um sich Respekt zu verschaffen, während seine sanfte Mutter auf die Hilfe anderer schwört. Warum das Problem als junger und unerfahrener Mensch selbst angehen, wenn es doch autoritäre Personen gibt, die es für ihn regeln können? Der kleine Junge aber, beide Eltern zwar gleichermaßen liebend, doch etwas mehr auf den Vater konzentriert, beherzigt den Rat seines Vaters und beruft seine Freunde zusammen, um dem großen Unruhestifter gehörigen Respekt einzuflößen. Heutzutage würden viele sagen, er habe doch nur soviel Mut, weil er nicht alleine und in der Überzahl sei, was das Respektguthaben ordentlich einstürzen lassen würde, bei Grundschulkindern jedoch scheinbar ordentlichen Eindruck macht.

Man könnte meinen, der Held des Romans habe ein glückliches, perfektes Leben, aber nach einigen Kapiteln wird klar, dass er vielleicht ein weitestgehend normaler Junge ist, aber dennoch nicht von diversen Problemen verschont bleibt. So muss er alsbald feststellen, dass Mädchen doch nicht so langweilig sind, wie die Jungen glauben, dass Schummeln in der Schule nicht erlaubt ist, wenn man sich erwischen lässt und dass man noch immer die gleichen Probleme hat, wenn man erwachsen ist, nur dass sie dann ganz anders aussehen.

Auch Tod und Scheidung lernt der Kleine kennen, was ihm große Angst macht, denn niemand ist davor sicher, auch seine Eltern, die für ihn die stärksten und schönsten Eltern der Welt sind, sind nicht vor den Unbilden der Welt gefeit. Unfreiwillig lernt Hector das Geheimnis seines gleichnamigen Vaters kennen, dem es unglaublich unwohl bei der Tatsache ergeht, dass sein Geheimnis scheinbar doch nicht so geheim ist wie er meint.

Früh schon muss Petit Hector lernen, was Verschiedenheit und Verdienste sind und dass sich Eltern nicht mögen zu brauchen, nur weil deren Kinder untereinander befreundet sind.

Durch seine Lektionen kommt Hector in die eine oder andere Schwierigkeit, wodurch er ebenfalls seinen Freund auf einer Feier in Verlegenheit bringt, da zwei der "Fantastischen Fünf", wie sie sich später nennen, nicht eingeladen sind. "Die Sache mit 'Wer hat ein Verdienst an was oder nicht?' kann eine Menge Konsequenzen haben" erlangt auch hier für Hector eine neue Bedeutung, denn nicht alle seine Freunde scheinen ihren Verdient von den Eltern zu haben. So auch sein andersgläubiger Freund Orhan, dessen Eltern ihm bei Schulaufgaben nicht helfen können, scheint seinen ganz eigenen Verdienst erlangt zu haben; allerdings nicht ganz ohne die Hilfe seiner größeren Schwester.

So lernt also Petit Hector das Leben mit dem ganz großen L davor nach und nach kennen, die Fantastischen Fünf lösen sich gezwungenermaßen auf, Amandine sieht er nach den großen Ferien vielleicht wieder, vielleicht auch nicht, jeder fängt an, das Leben anders zu leben.

Schließlich kommen wir zum Epilog, in dem wir noch vieles erfahren, was aus unserem Helden und seinen Träumen und aus den Notizbüchern geworden ist, die er und sein Vater in jungen Jahren geschrieben haben. Auch die eventuelle Affäre deckt sich schnell auf und wird Dank seiner kleinen Schwester auch für immer in die Vergessenheit katapultiert.

Abschließend also wäre zu sagen, dass "Hector & Hector und die Geheimnisse des Lebens" ein ausgezeichneter Schmökerroman darstellt, der auch die ein oder andere philosophische Weisheit enthält, aber durch die stetige Naivität und dem gleichbleibenden Rhythmus des Grundschulkindes, was zwar lernt und die Ratschläge beherzigt, doch in der Zeit stehen zu bleiben scheint, ein wenig an Attraktivität und Leselust verliert. Beim Öffnen und Anfangen des Lesen erhält man so den Eindruck, man sei im Buch nicht vorangekommen, die Zeit sei einfach stehen geblieben und man empfindet das Buch als in die Länge gezogen. Dann, nach einigen, schließlich zähen Kapiteln, kommt ein abrupter Abbruch, der gänzlich den roten Faden abschneidet, dem man gefolgt ist. Sicherlich mag dies eine recht interessante Weise sein, den Leser aufzuwecken, aber keine besonders gelungene, obwohl der Epilog durchaus lesenswert ist.


Lelord hat mit seinem aktuellen Roman so ein kleines Märchen mit vielen kleinen Moralen erschaffen, welches allerdings einen großen Hüpfer macht, was einer Zeitreise Rotkäppchens in unsere Zeit gleichkommt. Der Autor hat mit Herz und Feingefühl den kleinen großen Helden des Romans fantastisch ins Bild gesetzt, was für viele kleine Langatmigkeiten entbehrt.

"Ich denke, also bin ich verwirrt" Christoph Süß

Hier ist der Autor definitiv verwirrt!                                                   1/5 Sternen


Christoph Süß, erfolgreicher Kabarettist und Studienabbrecher in Philosophie hat sich sicherlich für den Weg der Medien entschieden, da er scheinbar von der Philosophie nicht angetan war; Karriere hin oder her.


Dies spiegelt sich auch klar in seinem „Werk“ wider, in dem er nicht nur die Philosophie, sondern auch die Religion aufs Korn nimmt.
Ein Reise durch unsere Geschichte bis hin in die Neuzeit wird auch, so muss man es ihm lassen, gut recherchiert und humorvoll, dargestellt, jedoch auf eine fast schon altertümlich wirkende Art und Weise, welches das Lesen nicht zu einem Schmaus, sondern zu einem Graus werden lässt. So handlich und verhältnismäßig kurz es auch verfasst sei, es zieht sich, durch die immer wiederkehrenden Witze sehr in die Länge.

Ironisch solle sein Werk sein, welches es auch sicherlich ist, doch erweckt Süß doch den Eindruck, dass er ein Mensch sei, der mit der Religion wohl so ziemlich auf die Nase gefallen ist und ihr nun gnadenlos die Schuld zuteilt, indem er maßlos über sie her zieht. Religion oder eben hier das Christentum sei eine eigens geschaffene Politik, um die armen Bürger brav unter Kontrolle halten zu können. Aber wo bitte, sind die Beweise dafür? Ein einziger Bereich der Bibel, von Paulus verfasst, soll gänzlich den ganzen Glauben begründen? Hier hätte man sich doch handfestere Gründe statt haltlose Phantastereien gewünscht!
Statt Philosophie erwartet uns geballte Religionskritik, wo Seite für Seite über die Werte hergezogen wird, die unsere heutige Gesellschaft ausmacht. Um es aber nicht zu mittelalterlich klingen zu lassen, packt er, wie er meint, aktuelle Themen oder Diskussionen zwischen die Sätze, die fast gänzlich keine Bezug haben, so wie zum Beispiel seine Stellungnahme dass Gott nicht allmächtig sei, weiß er nur das Beispiel zu nennen, wo er den „immerwährenden Kampf gegen Liberalismus, Homosexualität, die Achse des Bösen und Harry Potter“ aus dem amerikanischen „Bible Belt“ anführt, was nun wirklich keinen Sinn ergibt.

So streckt sich das Buch auch auf der ganzen Länge ganz in dieser Art hin, es gibt weder einen roten Faden noch bodenständige Begründungen oder Nachweise für seine „liebsten Weltanschauungen“.
Letztlich beläuft sich alles darauf, dass Mathematik das einzig Wahre sei.

Abschließend ist zu sagen, dass Christoph Süß für den ausschließlich sehr anspruchslosen Leser ein Werk geschaffen hat, der einer lauen Talkshow auf den privaten Sendern gleichkommt.



Montag, 17. August 2009

"Das Leben der Wünsche" - Thomas Glavinic

Wirklichkeit, Zufall und Schicksal - eine düstere Mischung
3/5 Sterne


Thomas Glavinic - Das Leben der Wünsche. Wer oder was von beiden ist düsterer?



Dieser Roman, geprägt durch schon eine fast banale Normalität, erfasst den Leser voll und ganz, während er nachwievor die Stellung eines Beobachters besitzt. Klar, bewusst erscheint Jonas die Wirklichkeit um sich herum wahrzunehmen, vor allem aber sich selbst. Dank der Fotos, die er 20 Jahre lang am Ersten des Monats schießt, besitzt er ein Dokument des Lebens, wie es wohl kein anderer auf der Welt zu seinen Besitztümern zählen darf.

Jonas, der mitten im Leben steht und auch schon einen Gutteil seines Lebens bereits gelebt und einen weiteren vor sich hat, begegnet eines Tages, rein "zufällig", einem seltsamen Mann, der ihm drei Wünsche zu erfüllen gedenkt. Wäre eben dieser schäbige Mann eine Fee gewesen, hätte man ihm das wohl abgekauft, aber da im realen Leben keine Feen existieren, müssen wir mit einem Mann, wie er geheimnisvoller kaum sein könnte, Vorlieb nehmen. Jonas wünscht sich das, was er will, allerdings ruft dies Missfallen bei seinem Gegenüber hervor.

Nein! Sie sollen sich nicht das wünschen, was Sie wollen, sondern das, was Sie sich auch wünschen! Irritiert versucht es Jonas weiter, bis er sich einfach weitere Wünsche wünscht, die ihm scheinbar gewährt werden, denn der Mann zieht von dannen, ohne weitere Informationen preiszugeben. Es bleibt Mißtrauen, Verwirrung und eine undefinierbare Leere, die sich allerdings recht schnell mit brutaler Wirklichkeit füllt. Nun, aber was ist Wirklichkeit? Wirklichkeit in diesem Roman? Oder ist es ganz einfach nur schicksalhafter Zufall oder zufälliges Schicksal?



Es geht weiter im Text. Nach dem Treffen geht der werte Herr seiner Tagearbeit nach, zerbricht sich erfolglos den Kopf über diesen rätselhaften Mann, dem er keinen Sinn abgewinnen kann. Wer aber sagt, dass alles einen Sinn beinhalten muss?

Plötzlich steigen seine Aktiengeschäfte, er wünscht sich eine Lösung für seine Affäre und findet seine Frau eines Abends, nachdem eben diese wortkarg und nachdenklich heimgekehrt war, tot in der Wanne vor; Herzversagen. Alles Zufall?

Plötzlich tun sich für unseren lieben Jonas Türen auf, über die er anfangs staunt, die er irgendwann hinterfragt und schließlich für ganz selbstverständlich hinnimmt. Seine Liebe zu Marie, mit der er seine Frau betrogen hat, ist an ihren Mann gebunden, will ihn nicht aufgeben, allerdings treibt sie der Zwiespalt zwischen der Liebe zu ihrem Geliebten und ihrem Gatten in eine kleine Verzweiflung, die nur am Rande erwähnt wird. Im Mittelpunkt steht der allgegenwärtige Protagonist, der nun dem, was ihm entgegenkommt und dessen Stein er erst ins Rollen gebracht hat, trotzen will. Nein, nicht dem, was er ins Rollen gebracht hat, sondern seinem Innersten will er entgegentreten, denn schließlich waren es seine Wünsche und Begehren, die nun Form annehmen.

Er fängt an zu spielen, mit dem Schicksal, dem Zufall oder der Fügung, dies ist dem Leser ganz allein vorbehalten; er oder sie kann es sich aussuchen. Ebenso die abrupten Enden, die die ganze Serie an Ereignissen prägt, lässt dem Leser eine Freiheit zu, wie man es selten findet.

Seine Spiele, die ihm mehr und mehr Geld verschaffen, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit seitens der chronisch betrunkenen Kollegen, verschafft ihm schon beinahe den Rang eines Gottes. Er bestimmt über das Schicksal der Menschen um sich herum; ein regionaler Gott. Kurz nach dem Tod seiner Frau sieht er, wie ein Tankwart niedergeschossen wird, sieht das Flugzeug abstürzen, in dem er gesessen hätte; und bekommt schließlich die Frau, die er am meisten begehrte; sogar noch mehr, nachdem er das Geheimnis seiner Frau gelüftet hatte. Die Wunderheilung sei jetzt einmal Nebensache.

Schließlich, man sieht, es sind nur wenige Seiten noch zu lesen, fängt der Leser an, sich zu fragen, was noch alles passieren könnte, denn viel Zeit verbleibt nicht mehr. Eines aber weiß er, sofern er das Vorwort gelesen hat: Ein "Happy-End" ist nicht zu erwarten, sondern ein bewusst düsteres. Auch hier wieder bleibt dem Leser die Wahl: Wie will er es belassen?



Mit zunehmender Länge und der Häufung der Geschehnisse, spürt der Leser regelrecht, wie dumpf Jonas Welt wird, er nimmt nur noch alles durch Nebel wahr, er ist nicht mehr er. Er ist ein Aussenstehender, der nur noch seinen Körper lenkt; wie in einem Computerspiel. Er selbst hatte einst die Möglichkeit erwogen, dass wir alle in einem Computerspiel oder Computerchip seien, in oder auf dem unser Leben spielt. Warum sollte er nicht auch so sein?

Von Teil zu Teil entwickelt es sich zusehends düsterer, der Autor zeigt mit brutaler Banalität auf, was ein einzelner Mensch imstande ist, zu tun. Zu denken. Zu vollbringen. Wir fragen uns: Hat der Autor ein wenig in esoterischen Büchern gelesen? Schon der Anfang des Buches erinnert stark an "Bestellungen beim Universum" von Bärbel Möhr.

Dieser Roman steht für schauerliche Düsternis, Schauergarantie und Verwirrung. Er lässt den Leser nicht los, gibt ihr oder ihm Ideen, die sich sogar im eigenen Leben umsetzen lassen und verschafft mit gnadenloser Realitätsnähe ein Gänsehautgefühl beim Leser, da er sogar einige Alltagssituationen aus dem eigenen Leben wiederfindet. Hier reichen sich Normalität und Irreaität die Hand und sagen Hallo zueinander.



Zum Autoren kann man allerdings nur eines sagen:

Thomas Glavinic - ein Name, der zukünftig für neuartiges Schreiben, Talent, Wahnsinn und Horror gelten wird.

Samstag, 1. August 2009

Leseeindruck zur Leseprobe von "Hector & Hector" - Francois Lelord

Ein Märchen, um unser Kindsein neu zu entdecken


Eine märchenhafte Erzählung über einen kleinen Jungen, der es sich zur Aufgabe gesetzt hat, die Sorgen des Lebens an seine Gedankenwelt anzupassen.

Nicht nur mit Witz, sondern auch Talent geschrieben, beginnt die Geschichte um den kleinen Jungen Hector mit dem weltberühmten Satz "Es war einmal".

Und tatsächlich, es war wirklich einmal. Es war einmal ein kleiner Junge in der Entwicklung, in dessen Gedankewelt wir einen einmaligen Blick werfen können.

So lernen wir nicht nur die Denkweise unserer Kleinen, sondern auch einen Teil unserer Selbst kennen. Wir werden ein wenig wachgerüttelt, nein, wir bekommen sogar einen Wink mit dem Zaunpfahl, weil wir so blind sind und nur das Schlechte im Leben sehen, anstatt auch die guten Seiten wahrzunehmen. Unser lieber "Petit Hector" läuft nämlich, im Gegensatz zu uns, nicht mit Scheuklappen durch die Welt, sondern ist stets aufmerksam und neugierig, warum Sorgen für unser Leben gut sind und warum wir manches tun dürfen und manches nicht. Er wirft Fragen zu Situationen auf, die für uns selbstverständlich sind, dessen Grundgedanke wir aber längst nicht mehr wahrnehmen.

Warum darf man nicht lügen? Wieso gibt es auch eine gute Seite bei Unglücken? Warum darf man anderen Leuten nicht wehtun?

All dies sind Fragen mit tiefem Hintergrund, über die wir gar nicht nachdenken, weil sie uns beigebracht wurden und wir sie so angenommen haben. Aber warum? Warum wird es uns so und nicht anders beigebracht? Gedanken, die uns in unserem Alltag nicht beschäftigen, aber doch so lebenswichtig sind, um in der Gesellschaft zu bestehen. Es ist schon fast eine Reise zum Sinn unseres Daseins. Wozu lernen wir diese Dinge? Diese Angewohnheiten? Fragen über Fragen, werden sie doch mit viel Liebe beantwortet, mit Metaphern für das bessere Verständnis. Sie rütteln uns wach, damit wir darüber nachdenken, woher überhaupt diese Regeln entstanden sind und warum es gut ist, auch das Gute im Leben zu sehen.

Mit grandiosem Einfühlungsvermögen und philosophischem Aspekt geschrieben oder eher gezaubert, wurde dieser einzigartige Roman voller Gefühl und Liebe, die das Lesen dieser wunderbaren Geschichte zu einem Vergnügen werden lässt. Kindheitliche Neugier, gepaart mit dem Wissen und der Erfahrung des Erwachsenen, kann es einfach nur eine exzellente Anleitung zum Aufmerksamsein darstellen, die den Leser sicherlich in seinem Alltag beeinflussen wird.