Donnerstag, 6. Oktober 2011

Elf interessante Leben ohne Begegnung

5/5 Sterne

„Elf Leben“ ist eines der wenigen Bücher, die einen das Herz erwärmen, einen mitreißen und mitleben lassen, wie es bei vielen Werken nur selten der Fall ist. Mark Watson hat sich mit seinem ersten, ins Deutsche übersetzte Buch, selbst ein Denkmal gesetzt.
Xavier Ireland, der seine Heimat Australien aus persönlichen Gründen, die er für sich selbst behält, verlässt, um in London ein neues Leben mit einem neuen Namen zu beginnen, moderiert mit Murray nachts eine Radiosendung, wo anonyme Anrufer sich melden, um zu erzählen oder ihre Sorgen zu klagen.
Im Laufe der ganzen Handlung wird klar, dass Xavier nicht einfach vor sich selbst flüchten kann. Als er Pippa trifft, wird ihm das nur zu deutlich bewusst.
Xavier allein ist aber nicht wirklich die Hauptperson, sondern vielmehr Nebencharakter, der die Elf Leben, um die es hier vielmehr zu gehen scheint, miteinander verbindet, ohne dass sie sich je berühren. Sei es ein Leben, was nur kurz über zwei, drei Zeilen erwähnt wird, sei es ein Leben, was über mehr als nur ein paar Sätze hinausgeht: Jedes einzelne von ihnen hat seine Existenzberechtigung und gewinnt viel größere Aufmerksamkeit als Xavier selbst.
So unbedeutend einem die Leben anderer Menschen erscheinen mögen, in diesem Roman wird deutlich, dass es die Leben außerhalb des eigenen wirklich gibt.
So viele Leben um Xavier herum und er mitten drin.
Watson hat mit seinem aktuellen Roman eine wahre Hürde überwunden und einen Schreibstil an den Tag gelegt, dem es so leicht kein Entkommen gibt, wenn man einmal angefangen hat.
Die Art seines Schreibens hat etwas mit den Gedanken eines sehr nachdenklichen Menschens zu tun, der an einem Nachmittag scheinbar verschiedene Szenarien durchzuspielen scheint, wie ein Leben aussehen kann; oder auch elf Leben aus der Perspektive anderer Menschen. Leicht und verständlich, ohne großartige Floskeln bleibt die ganze Erzählung in einem Fluss, was das Lesen zu einer Freude werden lässt.
Elf Leben“, mag man denken, hat einen esoterischen Beiklang, sofern man nur den Klappentext liest, schnell wird aber klar, dass es vielmehr als nur ein esoterischer Roman, sondern eine Erzählung aus dem Leben einer oder eher noch mehr Personen, deren Leben untereinander beeinflusst wird, ohne dass sie sich je kennen lernen werden.
Auch das Cover fällt durch unauffällige, aber sehr angenehme Gestaltung auf. Es distanziert sich somit von den oftmals sehr bunten und sehr auffälligen Covern der Großverlage.
Abschließend kann man sagen, dass dieser Roman eines der wenigen Meisterstücke ist, die das Herz berühren und einen noch lange beschäftigen werden; nicht nur in Gedanken, sondern auch im Handeln. Denn wer weiß schon, was es für Auswirkungen haben wird, wenn ich bei der nächsten Busfahrt, unbedingt einen Sitzplatz haben möchte und dadurch jemandem, dem die Beine schmerzen, ihn unbewusst wegnehme?

Eine kleine, mittelmäßige Weltgeschichte

3/5 Sterne

Loel Zwecker versucht in seinem aktuellen Roman einen Abriss der Weltgeschichte zu konstruieren, sodass sie für jedermann verständlich und anschaulich nachvollziehbar ist.
Nach einem kurzen Vorwort, welches uns gleichzeitig auch durch die Entwicklung von 2,5 Millionen Jahren führt, geht es direkt weiter mit dem ersten Kapitel der Weltgeschichte: Ägypten und andere Hochkulturen des Nahen Ostens.
Gefolgt von Griechenland und dem Römischen Reich und vielen weiteren großen Kulturen, die die unsere teilweise auch noch heute prägen oder Einzug in den schulischen Geschichtsunterricht gefunden haben, ist dieser Abriss der Weltgeschichte wahrlich stringent und logisch aufgebaut. Jedes Kapitel dieses Buches spiegelt das konsequente Angehen der geschichtlichen Reihenfolge wieder, sodass Verwirrung gar nicht erst entstehen kann. Zudem kommt das kurze Wiederaufnehmen des vorigen Kapitels in das neue hinzu, wodurch sich eine leichtere Verfolgung der Geschehnisse gewährleisten lässt. Hierdurch entsteht der Eindruck, dass der Band nicht nur ein Lehrbuch, sondern eine Art Roman darstellt, was Loel Zwecker sicherlich beabsichtigt hat.
Allgemein gut verständlich geschrieben, teilweise mit Witz zur Auflockerung der Materie, lässt sich Zweckers Buch gut weglesen; sofern man ein wenig geschichtsinteressiert ist. Für andere, die sich von dem Werk einen spannenden und actiongeladenen Roman versprechen, wird dieses Werk unweigerlich enttäuschend sein. Merkmale des Romans hin oder her, es ist und bleibt dennoch eine Quelle zur rein sachlichen Information; besonders geeignet für jene, die es nicht besonders trocken, sondern mit ein wenig Geschmack mögen.
Zweckers Schreibstil ist durchaus auch für eine breitere Masse geeignet, was ja eher selten bei Sachbüchern der Fall ist, dennoch sticht die Art und Weise auch nicht besonders aus dem großen „Einheitsbrei“ hervor. „Was bisher geschah“ ist gut und klar formuliert, man weiß zu jeder Zeit, dass der Autor sich dessen bewusst ist, was er schreibt, dennoch scheint es ein Buch wie jedes andere auch zu sein. Der Stil hat einen Hauch von Professionellität und Leichtigkeit, der aber leider nicht ganz überzeugen kann.
Für den „Einsteiger“ unter den Hobbyhistorikern eignet sich Zweckers Buch wunderbar, er schafft Anreiz und Hunger auf mehr, er regt den Appetit an, sich mit geschichtlichen Dingen zu beschäftigen, aber er kann auch falsche Hoffnungen wecken, dass es Sachbücher geben kann, die in gleichartigem Stil geschrieben seien. Was leider nicht oft der Fall ist.
Im Großen und Ganzen ist dieses Buch für Geschichtsinteressierte empfehlenswert, ist aber auch kein bedeutender Überflieger in der Literatur. Dennoch: Reinschauen lohnt sich, um Geschichte auch einmal von einem anderen Blickwinkel betrachten zu können.

Endlich mal ein undurchsichtiger Krimi

5/5 Sterne


Von wegen, Krimis seien von der ersten Seite an durchschaubar! Mit seinem Roman "Leopard" hat Nesbø das genaue Gegenteil erbracht.

Nicht nur der glänzende und flüssige Schreibstil machen dieses Buch zu einem besonderen Leseerlebnis, nein, auch die realitätsnahe Umschreibung der Handlungen, die glaubhaften und klar umrissenen Charaktere tragen zu einem Gesamtbild bei, welches leicht die Schwelle zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt.

Liest man die ersten Seiten, so glaubt man, man hat es mit einem handelsüblichen "Otto-Normalverbraucher-Roman" zu tun. Geht man allerdings weiter im Lesestoff, werden einem wahrhaft andere Seiten vorgeführt.

Die sich langsam aufbauende, fesselnde Spannung, die es einem nicht ermöglicht, das Buch an die Seite zu legen, erhält im Laufe der Handlung seine Höhen und Tiefen, reißt jedoch nie ab. Gerade dann, wenn man glaubt, der Mörder schlägt zu - keineswegs! Man muss sich leider noch über einige Kapitel und Handlungsstränge hinweg gedulden, bis man erfährt, ob der Schatten, der da im Gebüsch lauerte, wirklich nur ein Schatten war oder doch der Mörder.

Harry derweil, der für die gestorben ist, treibt sich in Arealen und "Welten" Chinas herum, in denen ein Mensch, der noch etwas zu verlieren hat, besser nichts zu suchen hat.
Kaja, eine junge Kommissarin, versucht ihn mit allen Mitteln zurück zu holen, um eine neue, unerklärliche "Mordwelle" aufzudecken. Harry, der seit seinem letzten Fall jedoch herzlich wenig davon wissen will, lässt sich zunächst nicht überreden. Als er jedoch erfährt, dass seine Schulden Vergangenheit sind, entschließt er sich kurzerhand doch zurück nach Oslo zu fliegen - und benutzt seine neue Kollegin kurzerhand als unwissende Schmugglerin.

Die darauf folgenden, teilweise schwer durchschaubaren Strukturen zwischen Morddezernat und Kriminalamt erschweren es dem Leser leider anfangs die Figuren und Beziehungen auseinander zu halten. So wird beispielsweise Harry von einigen seiner früheren Kollegen nicht gern gesehen, trotz seiner Heldentaten, bei denen seine Familie fast ihr Leben gelassen hätte.
Kaum in Oslo angekommen, tun sich viele Handlungsstränge auf, teilweise sehr verworren, teilweise den Leser glauben machen lassend, dass der Mörder schon längst gefasst sei.
Harry, der nun den "Mörder" gefasst hat, weiß noch nicht, dass er sich geirrt hat, auch wenn alles dafür spricht. Sieht man jedoch noch auf die verbliebenen Seiten des Buches, wird schnell klar, dass der Fall noch lange nicht gelöst ist.

Sein Vater währenddessen, der im Sterben liegt, wird regelmäßig von Harry trotz seiner augenscheinlichen Drogensucht, die ihn im Verlaufe des Romans noch Probleme bereiten wird, regelmäßig besucht. Hierbei ist sich Harry nicht im Klaren, dass auch jetzt schon Spione an seinen Fersen sind.

Leider ist es zum Ende des Romanes sehr ersichtlich, dass dies wohl Harrys letztes Abenteuer sein wird. Harry, der Dank Nesbø schon fast zu einem Mythos geworden ist.

Abschließend kann man diesen Roman wahrhaft, trotz der wahhaft beeindruckenden Anzahl an Seiten, als eines seiner Meisterwerke betrachten. "Neuzeitlich", realistisch und den Leser vereinnehmend hat dieser Roman eine ganz besondere Klasse.