5/5 Sterne
Von wegen, Krimis seien von der ersten Seite an durchschaubar! Mit seinem Roman "Leopard" hat Nesbø das genaue Gegenteil erbracht.
Nicht nur der glänzende und flüssige Schreibstil machen dieses Buch zu einem besonderen Leseerlebnis, nein, auch die realitätsnahe Umschreibung der Handlungen, die glaubhaften und klar umrissenen Charaktere tragen zu einem Gesamtbild bei, welches leicht die Schwelle zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt.
Liest man die ersten Seiten, so glaubt man, man hat es mit einem handelsüblichen "Otto-Normalverbraucher-Roman" zu tun. Geht man allerdings weiter im Lesestoff, werden einem wahrhaft andere Seiten vorgeführt.
Die sich langsam aufbauende, fesselnde Spannung, die es einem nicht ermöglicht, das Buch an die Seite zu legen, erhält im Laufe der Handlung seine Höhen und Tiefen, reißt jedoch nie ab. Gerade dann, wenn man glaubt, der Mörder schlägt zu - keineswegs! Man muss sich leider noch über einige Kapitel und Handlungsstränge hinweg gedulden, bis man erfährt, ob der Schatten, der da im Gebüsch lauerte, wirklich nur ein Schatten war oder doch der Mörder.
Harry derweil, der für die gestorben ist, treibt sich in Arealen und "Welten" Chinas herum, in denen ein Mensch, der noch etwas zu verlieren hat, besser nichts zu suchen hat.
Kaja, eine junge Kommissarin, versucht ihn mit allen Mitteln zurück zu holen, um eine neue, unerklärliche "Mordwelle" aufzudecken. Harry, der seit seinem letzten Fall jedoch herzlich wenig davon wissen will, lässt sich zunächst nicht überreden. Als er jedoch erfährt, dass seine Schulden Vergangenheit sind, entschließt er sich kurzerhand doch zurück nach Oslo zu fliegen - und benutzt seine neue Kollegin kurzerhand als unwissende Schmugglerin.
Die darauf folgenden, teilweise schwer durchschaubaren Strukturen zwischen Morddezernat und Kriminalamt erschweren es dem Leser leider anfangs die Figuren und Beziehungen auseinander zu halten. So wird beispielsweise Harry von einigen seiner früheren Kollegen nicht gern gesehen, trotz seiner Heldentaten, bei denen seine Familie fast ihr Leben gelassen hätte.
Kaum in Oslo angekommen, tun sich viele Handlungsstränge auf, teilweise sehr verworren, teilweise den Leser glauben machen lassend, dass der Mörder schon längst gefasst sei.
Harry, der nun den "Mörder" gefasst hat, weiß noch nicht, dass er sich geirrt hat, auch wenn alles dafür spricht. Sieht man jedoch noch auf die verbliebenen Seiten des Buches, wird schnell klar, dass der Fall noch lange nicht gelöst ist.
Sein Vater währenddessen, der im Sterben liegt, wird regelmäßig von Harry trotz seiner augenscheinlichen Drogensucht, die ihn im Verlaufe des Romans noch Probleme bereiten wird, regelmäßig besucht. Hierbei ist sich Harry nicht im Klaren, dass auch jetzt schon Spione an seinen Fersen sind.
Leider ist es zum Ende des Romanes sehr ersichtlich, dass dies wohl Harrys letztes Abenteuer sein wird. Harry, der Dank Nesbø schon fast zu einem Mythos geworden ist.
Abschließend kann man diesen Roman wahrhaft, trotz der wahhaft beeindruckenden Anzahl an Seiten, als eines seiner Meisterwerke betrachten. "Neuzeitlich", realistisch und den Leser vereinnehmend hat dieser Roman eine ganz besondere Klasse.
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